Die Post geht ab - Wirtshaus

Die Post geht ab

Ich, die Post im schönen Niederndorf, war erste Adresse, Post und Wirt zugleich.

Und wenn ein Gasthaus, wie ich, die Post, zusperrt, dann reißt das ein Riesenloch. Die Location fehlt. Ich war ein Traditionsgasthaus, in dem sich alle willkommen und wohl gefühlt haben. Aus Niederndorf, der Unteren Schranne, dem Kufsteinerland und, wenn man so will, auch aus Tirol und der Nachbarschaft. Vom Bürgermeister bis zum Pfarrer bis zu den Schülern, die sich „grad zmittag Pommes gholt ham“. Vereine, Familien, Prominente. Alles hat bei mir stattgefunden, was das Leben so prägt. Kommunion, Firmung, Hochzeit, Zehrung.

Erste Adresse war ich in dreifachem Sinn: Erstens war ich buchstäblich eines der ersten Tiroler Wirtshäuser, denn ich liege da, wo für die meisten Tirol beginnt: Im Herzen des idyllischen Dorfes Niederndorf, unweit der Inntal-Autobahn beim bayerisch-tirolerischen Grenzübergang Oberaudorf, quasi als Entree zu Österreichs beliebtestem Urlaubsland. Zweitens war ich Top-Destination für Genussspechte mit Sehnsucht nach Gutem, Ehrlichem und Bodenständigem. Und drittens war ich Heimat-Wirtshaus schlechthin: Treffpunkt für Niederndorf und rundherum.

Ansicht schräg vorne des Gasthof Post, (c) Philipp Reiter
Der Gasthof Post

Oder, wie es mein Nachbar Sebastian Huber, Bauer beim Wagner sagt: „Frira war des des Zentrum vom Dorf“. Und da hat er Recht, denn schließlich leben wir immer schon Zaun an Zaun. Dass er dabei wehmütig klingt, verstehe ich, denn die aktiven Zeiten waren nachbarschaftlich schön. „Mia ham oiwei fest zsammghoifn. Ich kann mi no guat an den Stammtisch erinnern, der glacht hat, und schon beim Eingang a Gaudi und a Stimmung bracht hat. A bsondere Mischung wars halt: Die feinen Leut, die elegant gekommen sind, um gut zu essen. Und bei den Bällen ist man gar nicht mehr bei der Tür einikommen – so zuagangen isses. Ja, es wär schön wenn die Post wieder aufsperren tät!“

Mein ehemaliger Besitzer und Wirt, Werner Wäger, war ein begnadeter Gastgeber und international ausgebildeter Koch. Kein Wunder, dass sich neben den Einheimischen bei mir Feinschmecker und Feinspitze, Fleischconnaisseurs und Frische-Freaks wohl und wohlversorgt gefühlt haben. Aber auch Sportler, Spaziergänger und Kultur-Fans. Viele meiner Gäste sind regelmäßig aus Bayern gekommen. Und alle Schifahrer haben beim Heimfahren bei mir Halt gemacht. Ja, die beliebten Schigebiete des Tiroler Unterlandes und die Kulturstandorte Kufstein und Erl liegen einen Katzensprung entfernt. Ebenso die Grenze und die Sommer-Frische-Gebiete der Region. Vieles hat mein Wirt mit mir initiiert: Zum Beispiel hat er den Faschingsverein wieder aktiviert, oder während der Fußball WM in Deutschland ein legendäres Public Viewing organisiert. Es gab Italienische Wochen, Steak Wochen und mehr. Ich wurde zum Theaterspielen genutzt und der Kameradschaftsbund hatte hier sein Domizil. Mein Umbau war bereits geplant, aber der Unfall meines Wirtes 2009 hat alles beendet.

Stube im Gasthof Post, (c) Philipp Reiter
Stube im Gasthof Post, (c) Philipp Reiter
Die gemütliche Tiroler Bauernstube

Wofür ich berühmt war? Für meine Speisekarte generell und für meinen Spezialtoast speziell, würde ich sagen. Die Leute sind von weither gekommen dafür. Ein köstliches Steak auf Toast, mit Kroquetten, Salat und allem was dazugehört. Ein Festessen war´s, bei mir aber alltäglich. „400 Essen am Tag, alles vom Feinsten“, vermutet der Bauer Huber, und der muss es ja wissen. Zwischen mir und seiner Bauernschaft hatte bei schönem Wetter auch immer mein wunderschöner, kühler Gastgarten Hochbetrieb. Wenn ich daran denke, wird mir gleich wohl ums Herz. Denn da hat man sich in der warmen Jahreszeit getroffen. Einfach so, oder wenn es etwas zu besprechen, zu begießen und zu genießen gab.

Gastraum im Gasthof Post, (c) Philipp Reiter
Der wunderschöne Speisesaal

Es wär schön, wenn die Post wieder offen wär.

Aber halt: Den Garten gibt es ja heute noch. Kühl und schattig unter den schönen alten Bäumen. Alles, von den Stuben, über den Saal bis zur Küche, steht praktisch schlüsselfertig bereit. Darum begrüße ich die Konzepte für meine Revitalisierung. Etwa jenes, das mich als informelles Gemeindezentrum und Schnittstelle für die regionale Wirtschaft und Bildung sah. Oder den Tag der Offenen Tür, wie mein jetziger Besitzer, der Fleischhauer Franz Wäger, Neffe des ehemaligen Wirts, berichtet: „Vor zirka eineinhalb Jahren haben wir einen Tag der Offenen Post-Tür organisiert. Und jeder hat das Gleiche gesagt: Des I-Tüpfterl brauchat ma dringend wieder! Es wär schön, wenn die Post wieder offen wär.“
Auch Bürgermeister Christian Ritzer schließt sich dieser Meinung an: „Wirtshäuser sind Kulturträger. Hier treffen wir uns, hier feiern wir, hier erleben wir Dorfgemeinschaft. Deshalb fehlt uns der Gasthof Post so besonders. Es wäre schön zu sehen, wenn dieses alte Niederndorfer Traditionshaus wieder einen neuen Wirt bekäme.“

Gastgarten des Gasthof Post, (c) Philipp Reiter
Der Gastgarten

Für alle, die es interessiert, noch kurz ein Blick in meine Geschichte: Als „Schättä Gut“ werde ich erstmals schriftlich erwähnt, später spricht man von mir als „Beim Rottn“ und meint damit einen Bauernhof mit gegenüberliegender Krämerei. In den Tiroler Freiheitskämpfen von 1809 wurde ich schwer beschädigt. Aber ab 1865, unter dem Bierbräu und Gutsbesitzer Sebastian Grädl, ging es bergauf. Ich wurde als Gastwirtschaft geführt. 1893 erwirbt mich Johann Fischbacher, Filzwirt in Kössen, und gibt mir den Namen „Bräu“. Das bestätigt auch mein Nachbar Sebastian Huber: „Friara hats beim Bräuwirt khoassn,“ erzählt er. „Mia ham oiweil gsagt: Beim Brui.“ Ja, im Niederndorfer Unterdorf hat man früher Bier gebraut. In den 1930er Jahren wurde bei mir das Postamt installiert und auch der Postbus hielt vor meiner Tür. Ab 1936 war Anna Bauer meine Besitzerin und vor etwa 40 Jahren hat mich Werner Wäger gekauft und als Gasthof Post geführt. Heute gehöre ich Franz Wäger, seinem Neffen.

alte Haltestellen-Schilder auf dem Gasthof Post, (c) Philipp Reiter
Die alten Postauto-Schilder sind auch heute noch auf dem Gasthof zu finden.

Und auch der Franz rührt mein Fassl im Hauseingang, wo man sich auf ein schnelles Bier getroffen hat, nicht an. Einer meiner früheren Pächter hat es kurzfristig entfernt, aber dann schnell wieder hereingestellt, denn es hat ganz einfach gefehlt. Jetzt steht es da wie eh und je und wartet auf den, der mich hoffentlich bald wieder aufsperren wird.

Flur im Gasthof Post, (c) Philipp Reiter
Der Hauseingang mit dem berühmten „Fassl“

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