Er soll es Glögglå leitå nach der Kirchå - Wirtshaus

Er soll es Glögglå leitå nach der Kirchå

Weißenbach wächst, gedeiht, blüht auf. Doch das Zentrum, der Platz bei der Kirche stirbt ab. Dabei hat es ganz andere Zeiten gegeben. Und die könnten wieder auferstehen.
Mit einem Wirtshaus als Treffpunkt.
Kurz gesagt: mit mir.
Davon sind alle, ob Heimische, Bürgermeister oder mein Besitzer – besonders aber ich selbst – überzeugt. Es fehlt nur ein interessierter und motivierter Betreiber.

Sanfter Tourismus. Unberührte Natur. Dorfgemeinschaft. Lebensfreude und ein sprudelnder, vor allem durch den Lechtal-Radweg und den Naturpark Tiroler Lech ständig wachsender Gästestrom. Fast kitschig, so überirdisch schön ist der Kirchplatz, an dem ich stehe. Und die Siedlungsgeschichte meines Ortes reicht bis in die Bronzezeit zurück, wie archäologische Ausgrabungen bezeugen.

Vorderansicht des Gasthof Hofer, (c) Philipp Reiter
Das Gasthaus Hofer am Kirchplatz in Weißenbach

Eckdaten, die es nicht überall gibt. Aber in Weißenbach am Lech bringen sie die Vorteile auf den Punkt. Dazu kommt, dass ich, der Hofer, ein Tausendsassa und Stehaufmandl bin. Und das sag ich nicht einfach so. Denn dass in mir als Wirtshaus und in meinem Standort Geschäftspotenzial schlummert, sieht, wer eins und eins zusammenzählt.
Ja, die Standortfrage. Da ruhe ich in mir und bin ganz entspannt, denn ich weiß: Wer sich für mein Wiedererstehen entzündet, genießt offene Arme und Vorschuss-Sympathien! Das klingt ganz schön überheblich, nicht wahr? Aber es ist was dran. Denn ich war immer beliebt und interessant. Und nach Weißenbach, dem ersten Ort im klassischen Lechtal, umrahmt von den herrlichen Allgäuer und Lechtaler Alpen, kommen Menschen von überall her. Warum? Weil sie hier Garantie haben für eine reiche Auszeit, Rückkehr zum Ursprünglichen und das Erleben von Emotionen und Glücksgefühl.

Schild im Gasthof Hofer, (c) Philipp Reiter
Hoffentlich werden im Gasthaus Hofer auch in Zukunft wieder Speisen serviert.

Meine Geschichte ist nicht spektakulär, aber sie erzählt von Bodenhaftung, Treue und Kontinuität: Ich bestehe schon seit vielen Jahren, scheine aber erstmals in der Volkszählungsliste 1900 als landwirtschaftlicher Betrieb mit Nebenerwerbs-Krämerei auf. Mein Besitzer damals war Johann Lob. Dessen Tochter Notburga und später seine Enkelin Anna Hofer haben den Kramerladen übernommen und nach deren Tod wurde er von Annas Ehemann, Josef Hofer bis zu seiner Pensionierung, weitergeführt. 1953 hat man Landwirtschaft in ein Café-Restaurant umfunktioniert und Anfang der 1960iger an den Sohn, den Hofer Ernst übergeben. Einen vollen Schub habe ich gemacht, als ich 1966 die Kegelbahn bekam. Da wurde so richtig abgeräumt, alle Neune! Bis 2010 hat mich Ernst zuerst mit seiner Frau Marianne geführt und nach ihrem Tod 1993 gemeinsam mit seinen Töchtern. Mein Gastronomiebetrieb steht seit Oktober 2010 still, weil ich einerseits keine lukrativen Gästezimmer hatte und andererseits viele weitere Adaptionen fällig waren. Das Geschäft wurde von Ernst noch bis November 2014 offengehalten. 2019 wurde ich von einem Weißenbach-begeisterten Investor gekauft, der meine Potenziale erkennt und an meine neue Zukunft glaubt.

Eingang Lebensmittelgeschäft im Gasthof Hofer, (c) Philipp Reiter
Ein Krämerladen war von Beginn an mit dabei
Kegelbahn im Gasthof Hofer, (c) Philipp Reiter
Die gut gediente Kegelbahn

Ich habe den schönsten Gastgarten mein Eigen genannt. Auch für meine Küche mit den Tiroler Spezialitäten war ich bekannt. Viele unbeschwerte Stunden mit Lachen, Tanz und Musik haben Alte und Junge, Einheimische und Gäste unter meinem ausladenden Birnbaum verbracht. Und natürlich in meinen Räumen. Billardtisch, Flipperautomat, Musikbox und Kegelbahn. Das waren meine Attraktionen. Fesche Kellnerinnen natürlich auch. Ja. Und ich war das Stammlokal der Feuerwehr. Bei mir haben die Mander ihren Stammplatz gehabt, nach jeder Probe kehrten sie ein. Die Keglerei hat geboomt. Feste wurden gefeiert. Ach, wenn ich an den jährlichen Fasnacht-Kehraus-Ball denke, dreht sich heut noch die Welt vor Glück.

Kuchenvitrine im Gasthof Hofer, (c) Philipp Reiter
Die Kuchenvitrine steht schon seit vielen Jahren leer.
Eingangsbereich des Gasthof Hofer, (c) Philipp Reiter
Der Eingang durch den Gastgarten

Er soll heut s´Glögglå leitå nach der Kirchå

Bei mir wurde auch Politik gemacht, vermutet unser Bürgermeister Johann Dreier: „Immer nach der Kirche sind wir zum Frühschoppen zum Hofer. Da hat mich schon als Junger interessiert, was die wohl so reden, die Älteren da am Stammtisch, a Glasl Wein habens getrunken, manchmal a Budl Schnaps, und Zigarre geraucht. Voller Neugier hamma ummigschaut.“ Es wurde debattiert und argumentiert. Die Welt verbessert, gestritten, sich versöhnt und gelacht. Und auch dass sich beim Hofer Heiliges und Irisches nahe gekommen sind, hat der Bürgermeister persönlich erlebt: „Es war immer irgendwie erhaben, wenn früher die Bürgermeister etwas zu verkünden hatten. Mein Vater war auch Bürgermeister und wenn es wieder mal so weit war, hat er am Sonntag vor der Messe zu mir gsagt: „Gosch zum Franz und sagtst, er soll heut s´Glögglå leitå nach der Kirchå.“ Da bin ich dann hin zum Franz, der immer hinten gesessen ist, beim Glögglå auf der Empore. Sobald die Kirche aus war, hat der Franz dann gläutet und jeder hat gewusst: der Bürgermeister will etwas verkünden.“ Und verkündet wurde es dann gegenüber bei mir, beim Hofer. Alle sind raus aus Kirche und über den Kirchplatz herüber geströmt. Vor meiner Haustür haben sie dann erfahren was es Neues gibt.

Ich bin also Aufmerksamkeit und Wertschätzung gewöhnt!
Zuversichtlich und bereit wie a Glögglå kann ich es kaum erwarten,
dass jemand mit mir einen neuen, vielversprechenden Ton anschlägt.

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