Stellt euch einen Ort vor... - Wirtshaus

Stellt euch einen Ort vor…

… wo sich die Menschen selbst treu geblieben sind und ein ehrliches Wort noch genauso gewichtig ist wie eh und je. Urgesunde Atmosphäre, Höhenlage, Möglichkeiten zum Glücklichsein, zur Selbstfindung, zum Loslassen, zur Bewegung. Ja, es gibt sie, diese Orte. Einer davon ist mein Heimatort Weerberg. In dem aber etwas Wichtiges fehlt:

Ich!

Der Kirchenwirt…

Dorfwirt Weerberg, (c) Philipp Reiter
Der Kirchenwirt direkt im Zentrum von Weerberg

…wo sich immer alles abgespielt hat. Nebn der Kirchn. Jeder schätzte mich. Jeder hatte mich gern. Nach Feierabend. Vor Feierabend. Zu Mittag, am Abend. Zum Kartenspielen, zum Ratschen, zum Trinken und Tanzen. Die Alten. Die Jungen. Die Arbeiter, die Bauern, die Männer, die Kinder und natürlich die Frauen! Bei Hochzeiten, Begräbnissen. Bei Festen. Ein Hot-Spot war ich, würde man heute sagen. Zsammkemmen hat man es früher genannt. In meiner Veranda sitzen, den grandiosen Ausblick ins Inntal genießen, ach, ich könnte ins Schwärmen kommen.

Dorfwirt Weerberg, (c) Philipp Reiter
Die Holzveranda mit ihrem traumhaften Ausblick

Meine Wirtinnen haben mich geprägt und viele, die schon ein wenig älter sind, erinnern sich gut an meine letzte Wirtin, die Burgl, eigentlich Nothburga Kreidl, geborene Angerer. Was so vertraut klingt, liegt schon einige Zeit zurück. Und weil sich niemand darüber ausgesehen hat, in ihre Fußstapfen zu treten, ist es seit 1980 in meinen Räumen still…

Dorfwirt Weerberg, (c) Philipp Reiter
Stillstehende Gasträume im Kirchenwirt

… und am Weerberg fehlt der Mittelpunkt. Direkt bei der Gemeinde, am Kreuzungspunkt, beim Centrum. Dabei bin ich noch immer sehr präsent. Ich zittere aber um meine Existenz, denn die Abrissbirne schwebt über mir. Aber ein Abriss macht Sinn, denn meine Substanz hat gelitten, und ich sehe mich schon vor mir: Neu aufgebaut, traditionell, knackig, urig, schön. Ich bin überzeugt: Das Talent für ein Edel-Wirtshaus schlummert in mir. Und dafür muss ich mich verwandeln. Das ist geplant, und das stelle ich mir vor: Neue Kleider, neues Konzept, neues Gesicht. Neues Gewicht. Die Pläne existieren bereits. Als Augenweide mitten im Dorf soll ich wieder ein Treffpunkt sein, mit Möglichkeiten vom Kirchtag bis zum Kinderfest. Was fehlt ist ein Investor und/oder motivierter Wirt.

Ja, er lebt, unser Kirchenwirt!

Ein Kraftplatz ist ein Kraftplatz ist ein Kraftplatz

Wieviel Energie ich zu geben vermag, zeigt eine Initiative, von der Bürgermeister Gerhard Angerer erzählt: „Im Jahr 2019 wollten wir den Gesundheits- und Sozialsprengel der Gemeinde Weer unterstützen. Schnell wurde die Idee einer Einladung zum Feierabendbier geboren. Wer sonst, als der Kirchenwirt, sollte die Lokalität dafür sein, denn dort hat es immer das beste und perfekteste gekühlte Bier gegeben, weil der Kühlraum gleich hinter der Zapfanlage war… Allerdings: Die Kirchenwirt-Räume waren jahrzehntelang unbenutzt und dementsprechend fanden wir sie vor. Da trat ein, was sich keine Ehefrau und auch sonst niemand erwartet hätte: Wie eine Wischmopp-Bande fielen wir – 10 Mann hoch – beim Kirchenwirt ein und haben alles auf Vordermann gebracht. Abgestaubt, gesaugt, gewischt, poliert, Geschirr, Gläser, Möbel organisiert – so, dass am 24. Mai 2019 ein echter Gasthausglanz aus allen Ritzen des Kirchenwirt drang. Und wir wurden belohnt! Ein Gästestrom, von Groß bis Klein, von Alt bis Jung. Die Stimmung, die Spendenfreude, die Szenerie – unbeschreiblich! Getanzt, gesungen, gekartet, geratscht, getratscht, Geld gespendet, geschwärmt haben alle und gemeinsam haben wir den positiven Geist des Hauses gespürt. Ja, er lebt, unser Kirchenwirt!“

Dorfwirt Weerberg, (c) Philipp Reiter
Der positive Geist des Hauses: “Ich für Dich, Du für mich – keiner nur für sich“
Schön wars und wird es wieder werden

Die romantische Liebe der Städter zum einfachen Landleben und zu den Bergen hat schon um 1900 Sommerfrischler zu mir nach Weerberg gelockt. Eine Sommerfrische hat früher mindestens drei Wochen gedauert. Work-Life-Balance im Original. Meine „Fremden“-Freunde kamen meist im Sommer, machten ausgiebige Spaziergänge und Wanderungen, genossen Luft und Landschaft im Liegestuhl und erfreuten sich an den kulinarischen Sonnenfenstern, die wir auf Bestellung servierten.

Dorfwirt Weerberg, (c) Philipp Reiter
Die Holzveranda beim Kirchenwirt

Ein Mann aus Marburg war viele Male bei mir zu Gast und schwärmt noch heute von Frau Kreidl und ihre Küche! „Die Wiener Schnitzel waren die besten, die ich je gegessen habe!“ Als Lehrer kam er einmal mit seiner Schulklasse hierher. Zum Start spendierte er seinen Schützlingen meine berühmten Schnitzel mit dem Ergebnis, dass für den Rest des Aufenthaltes täglich „Wiener Schnitzel“ auf dem Speiseplan stand. Man erzählt sich noch heute, dass auch bei exakt gleicher Verwendung jeder Zutat und minutiöser Befolgung jedes Arbeitsschrittes die Speisen niemals jenen Köstlichkeits-Grad erreichten, wie bei der Burgl. Das mag dem Luftdruck in der Wirtsküche, dem großen mit Holz und Kohle befeuerten Herd, wahrscheinlich aber vor allem der Köchin zuzuschreiben sein. Leider gibt es heute keinen Vergleich, aber glücklicherweise wurden die Rezepte niedergeschrieben.

Übrigens: die handgeschriebenen Kochbücher meiner beiden letzten Kirchenwirtinnen, Anna Angerer und Nothburga Kreidl sind vollständig erhalten. Haubenköche aufgepasst! Es gab Hirnknödel, Grüne Zungen in einer Pomeranzenbrühe, Schnecken-, Frosch- oder Krebssuppe, Reiswürstl. Gern würde ich selber wissen, was es mit Schlingl, Karmonatlen und Kack mit Eiern auf sich hat …

Dorfwirt Weerberg, (c) Philipp Reiter
Die Küche im Kirchenwirt
Nicht zu vergessen: Mein USP

Er ist ein Segen, der „Fluch“ vom Kirchenwirt, den am Weerberg jeder kennt. Hier die Story: Bereits 1845 – da hieß ich noch „Innerer Wirt“ – hat eine Nothburga Angerer mich, das Gasthaus, nach dem frühen Tod ihres Ehemannes Franz übernommen. Als 1858 der Plan für die neue Kirche entstand, schenkte die Burgl der Pfarre den Bauplatz – verbunden mit einer Bitte: Das Familiengrab der Angerers sollte auf dem neuen Friedhof gleich neben der Kirchentüre sein. Die Gemeinde bedankte sich auf profane Art: „In Anerkennung der Hochherzigkeit und Mild Gütigkeit der Nothburg Angerer“ sagte ihr die Gemeinde Weerberg „auf weltewige Zeiten“ (Originalzitat) zu, keine weitere Gastwirtschaft in der Umgebung der Kirche zu genehmigen. Ungefähr 150 Jahre danach wurde trotzdem ein Café in der Nachbarschaft eröffnet. Und wen wundert´s, dass man dort alle Probleme, etwa den Wasserrohrbruch gleich nach dem Start, mit dem gutgemeinten, sogenannten „Fluch“ erklärte.

Dieser, mein Vorteil, ist ein weiterer Grund warum

#Du fehlst

bei mir absolut berechtigt ist.

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